Die Rolle der Rohfaser und ihrer Fraktionen in der Pferdefütterung

Rohfaser ist einer der zentralen Bestandteile in der Pferderation – nicht lediglich als „Füllstoff“, sondern vor allem als physiologischer Regulator des Verdauungstraktes, als Quelle langsam freigesetzter Energie und als entscheidender Faktor für die metabolische sowie verhaltensbezogene Gesundheit des Pferdes. Eine bedarfsgerechte Versorgung mit strukturiertem Faseranteil bildet die Grundlage jeder ausgewogenen Rationsgestaltung.

 

Warum ist Faser so essenziell für das Pferd?

Das Pferd ist ein monogastrischer Herbivore mit ausgeprägter Hinterdarmfermentation. Sein Verdauungssystem ist auf die kontinuierliche Aufnahme von Raufutter spezialisiert.

Die mikrobielle Fermentation findet überwiegend im Caecum (Blinddarm) und Colon (Dickdarm) statt. Dort wandelt eine komplexe Darmmikrobiota fermentierbare Faserbestandteile in flüchtige Fettsäuren (VFA – volatile fatty acids) um, die eine bedeutende Energiequelle darstellen.

Ein Faserdefizit kann zu schwerwiegenden Störungen führen, darunter:

  • Magengeschwüre (EGUS),

  • Koliken,

  • Dysbiosen der Darmflora,

  • Kotwasser,

  • Verhaltensstörungen (z. B. Stereotypien),

  • erhöhtes Risiko für Hufrehe infolge metabolischer Dysregulation.


Positive Effekte einer ausreichenden Faserzufuhr

Eine strukturreiche Ration trägt maßgeblich bei zu:

  • Stabilisierung der gastrointestinalen Gesundheit

  • Regulierung der Darmmotilität und Reduktion des Kolikrisikos

  • Förderung einer stabilen, diversifizierten Darmmikrobiota

  • Produktion von VFA als nachhaltige Energiequelle

  • Verlängerung der Fressdauer (ethologisch relevant)

  • Unterstützung der metabolischen Balance (geringere Insulinspitzen, reduziertes Reherisiko)

Die Fresszeit ist dabei nicht nur ein Verdauungsfaktor, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil des tiergerechten Managements.


Faserfraktionen und ihre funktionelle Bedeutung

1. Strukturfaser – NDF (Neutral Detergent Fiber)

NDF umfasst Zellulose, Hemizellulose und Lignin und beschreibt den Gesamtanteil der Gerüstsubstanzen einer Pflanze.

Bedeutung:

  • Beeinflusst die Futteraufnahme und die Passagerate im Verdauungstrakt

  • Bestimmt die strukturelle Wirksamkeit des Futters

  • Hohe NDF-Gehalte erhöhen das Sättigungsgefühl, können jedoch die freiwillige Futteraufnahme limitieren

Ein ausgewogenes NDF-Niveau ist entscheidend für die Rationsplanung, insbesondere bei leichtfuttrigen oder adipösen Pferden.


2. ADF (Acid Detergent Fiber) – schwer verdauliche Fraktion

ADF besteht primär aus Zellulose und Lignin und repräsentiert den weniger fermentierbaren Anteil der Rohfaser.

Bedeutung:

  • Indikator für die Verdaulichkeit von Raufutter

  • Hohe ADF-Werte korrelieren mit geringerer Energiedichte

  • Niedrige ADF-Werte sprechen für eine höhere Futterqualität

ADF dient somit als wichtiges Kriterium bei der Beurteilung der Heu- und Silagequalität.


3. Lignin

Lignin ist eine nicht fermentierbare Faserkomponente.

Bedeutung:

  • Unterstützt die strukturelle Funktion im Darm

  • Wird nicht mikrobiell abgebaut

  • Hohe Gehalte senken die Gesamtverdaulichkeit der Ration

Überständig geerntetes Heu weist in der Regel erhöhte Ligningehalte auf.


4. Pektine und Hemizellulosen – lösliche Faserfraktionen

Diese Komponenten sind schnell fermentierbar und liefern rasch verfügbare Energie über die VFA-Produktion.

Eigenschaften:

  • Präbiotische Wirkung

  • Förderung der mikrobiellen Diversität

  • Unterstützung einer stabilen Darmbarriere

Sie kommen unter anderem in Rübenschnitzeln, Apfeltrester oder Reiskleie vor und eignen sich besonders für Sportpferde oder rekonvaleszente Tiere.


Faserbedarf: Wie viel ist ausreichend?

Pferde sollten täglich mindestens 2–3 % ihres Körpergewichts in Trockenmasse aus Raufutter erhalten.

Für ein 500 kg schweres Pferd entspricht dies etwa 10–15 kg Heu pro Tag, abhängig von Trockenmassegehalt und Energiebedarf.

Eine Unterschreitung dieser Mindestmenge stellt ein erhebliches Risiko für die Darmgesundheit dar und widerspricht den Grundprinzipien einer artgerechten Pferdefütterung.


Fazit

Rohfaser ist kein bloßer Volumenbestandteil der Ration, sondern ein funktionell hochrelevanter Nährstoffkomplex. Die differenzierte Betrachtung von NDF, ADF, Lignin sowie löslichen Faserfraktionen ermöglicht eine präzise, leistungs- und gesundheitsorientierte Rationsgestaltung.

Eine qualitativ hochwertige, strukturreiche Grundfutterbasis bleibt die wichtigste Säule in der modernen Pferdeernährung – unabhängig von Leistungsniveau oder Nutzungsrichtung.