Extrusion und Mikronisierung in der Pferdefütterung

Extrusion und Mikronisierung in der Pferdefütterung

Technologische Verfahren zur Optimierung der Nährstoffverfügbarkeit

Die moderne Pferdefütterung steht im Spannungsfeld zwischen physiologischer Präzision, metabolischer Sicherheit und ökonomischer Effizienz. Insbesondere bei Hochleistungspferden, Jungpferden sowie stoffwechselempfindlichen Individuen gewinnt die gezielte technologische Aufbereitung pflanzlicher Rohstoffe zunehmend an Bedeutung.

Zu den zentralen Verfahren zählen Extrusion und Mikronisierung, die der Gruppe der HTST-Technologien (High Temperature – Short Time) zugeordnet werden. Diese Verfahren ermöglichen eine signifikante Modifikation der physikochemischen Eigenschaften von Futtermitteln, ohne den Einsatz chemischer Zusätze.

 

Physiologische Ausgangslage beim Pferd

Das Pferd ist ein monogastrischer Herbivore mit enzymatischer Verdauung im Dünndarm und mikrobieller Fermentation im Caecum und Colon.

Die Stärkeverdauungskapazität im Dünndarm ist begrenzt. Nicht präcaecal verdauter Stärkeanteil gelangt in den Dickdarm, wo er:

  • fermentative Dysbalancen,

  • pH-Absenkung,

  • Dysbiose des Mikrobioms,

  • Gasbildung,

  • Koliken

  • sowie ein erhöhtes Risiko für Hufrehe

verursachen kann.

Vor diesem Hintergrund ist eine Erhöhung der präcaecalen Verdaulichkeit stärkehaltiger Komponenten ein zentrales Ziel moderner Futtermitteltechnologie.


Mikronisierung – Infrarotbasierte Strukturveränderung

Die Mikronisierung basiert auf der kurzzeitigen Einwirkung von Infrarotstrahlung (Wellenlänge ca. 1,8–3,4 µm) auf konditioniertes Pflanzenmaterial. Durch die intensive molekulare Schwingungsanregung kommt es zu:

  • raschem Temperaturanstieg im Partikelinneren

  • Druckerhöhung des intrazellulären Wassers

  • struktureller Destabilisierung pflanzlicher Zellverbände

  • Inaktivierung antinutritiver Faktoren (z. B. Trypsininhibitoren, Urease, Lipasen)

 

Das Resultat sind texturierte Flocken mit erhöhter enzymatischer Zugänglichkeit.

Für die Pferdefütterung bedeutet dies eine verbesserte Stärkeaufschließung bei gleichzeitig reduzierter mikrobieller Belastung.


Extrusion – hydro-baro-thermische Modifikation

Die Extrusion ist ein hydro-baro-thermisches Verfahren, bei dem mechanische Scherkräfte, Feuchtigkeit, Temperatur und Druck synergistisch auf das Substrat einwirken. Während des Prozesses erfolgen tiefgreifende Veränderungen aller Hauptnährstofffraktionen:

1. Stärke

  • Gelatinisierung

  • Dextrinisierung

  • Verlust der kristallinen Struktur
    → signifikante Erhöhung der präcaecalen Verdaulichkeit

2. Protein

  • partielle Denaturierung

  • erhöhte enzymatische Hydrolysierbarkeit

  • verbesserte Aminosäurenverfügbarkeit

3. Fett

  • physikalische Emulgierung

  • verbesserte oxidative Stabilität durch Inaktivierung von Lipasen

4. Faser

  • Reduktion unlöslicher Faserfraktionen

  • Zunahme löslicher Faseranteile
    → Verbesserung der Gesamtverdaulichkeit und Energiebereitstellung

Beim Austritt aus dem Extruder führt der plötzliche Druckabfall zur Expansion der Masse („Popcorn-Effekt“), wodurch eine poröse, strukturstabile Matrix entsteht.


Eliminierung antinutritiver Substanzen

Sowohl Extrusion als auch Mikronisierung ermöglichen die thermische Inaktivierung antinutritiver Faktoren pflanzlicher Rohstoffe, darunter:

  • Trypsininhibitoren

  • Urease

  • bestimmte Amylasen

Dies erhöht die Sicherheit sowie die nutritive Effizienz der eingesetzten Komponenten.


Bedeutung für unterschiedliche Leistungsgruppen

Besonders relevant sind diese Technologien für:

Jungpferde

Unreife Enzymausstattung und empfindliche Darmflora profitieren von aufgeschlossenen, leicht verdaulichen Komponenten.

Hochleistungspferde

Hoher Energie- und Aminosäurenbedarf erfordert eine maximale Nährstoffdichte bei gleichzeitig minimalem Risiko fermentativer Fehlgärungen.

Stoffwechselempfindliche Pferde

Eine kontrollierte Stärkeverfügbarkeit reduziert das Risiko für Insulinspitzen und sekundäre metabolische Störungen.


Ökonomische und nachhaltige Aspekte

Obwohl HTST-Technologien energieintensiv erscheinen, zeigen praktische Anwendungen, dass die verbesserte Futterverwertung die Produktionskosten kompensiert.

Durch:

  • höhere Nährstoffeffizienz

  • geringere Verluste über Exkrete

  • verbesserte Tiergesundheit

  • optimierte Futterverwertung

wird die Wirtschaftlichkeit langfristig gesteigert.


Schlussfolgerung

Extrusion und Mikronisierung stellen in der modernen Pferdefütterung keine rein technologischen Innovationen dar, sondern funktionelle Werkzeuge zur präzisen Anpassung der Ration an die physiologischen Anforderungen des Pferdes.

Die gezielte Modifikation von Stärke, Protein, Fett und Faser erhöht die präcaecale Verdaulichkeit, stabilisiert das intestinale Mikrobiom und reduziert das Risiko metabolischer Dysbalancen.

Damit bilden HTST-Verfahren einen integralen Bestandteil evidenzbasierter, leistungsorientierter und gesundheitspräventiver Fütterungskonzepte im Pferdesektor.